Warum arbeiten so schwer ist.
Jeden Werktag quäle ich mich aus dem Bett und freu mich aufs Wochenende. Ist dann endlich Freitag, weiß ich doch, dass es bald wieder Montag ist und sich alles im gleichen Kreis dreht wie die Woche davor und die davor und die davor....Auch die kommenden werden so sein, vielleicht noch schlimmer.
Morgens steh ich auf, bringe die Kinder zur Schule und zur Krippe. Dann trabe ich los, ins Büro und weg von zu Hause. Dort sitzt man dann mit der Angst im Nacken, was sich Chefs und andere Fuzzis heute wohl so einfallen lassen mögen, um mir das Arbeitsleben recht umständlich zu machen. Und es fällt ihnen fast immer was ein. Dann weiß ich meist auch wieder, warum ich nur so ein kleines Licht bin: Mir fehlt die Fähigkeit, Einfaches kompliziert zu denken. Gibt es ein Problem, dann sollte es so einfach wie möglich gelöst werden. Ich muss ja die Arbeit machen. Solche Probleme haben die „Obersten“ nicht. Arbeitsaufwand und Überstunden interessieren sie nicht. Das sind Probleme der anderen. Zum Beispiel meines. Eine Zeitlang dachte ich, Chef zu sein, sei irgendetwas ganz Hervorragendes. Ich dachte doch wirklich, die da „oben“ seien schlauer als ich. Jetzt weiß ich, sie sind nur rücksichtsloser. Chefsein hat nichts mit besonderem Intellekt oder der Fähigkeit zum logischen Denken zu tun, sondern mit Gehaltsgruppen und Arschkriecherei. Viel mehr mit Rücksichtslosigkeit und dem Mangel an Verantwortung als Bildung. Chef zu sein ist Vorhersehung, Pein und Schicksal. Verrohung scheint seuchenartig um sich zu greifen, sofern man jemanden mit niedrigerer Vergütungsgruppe unter sich weiß. 70 % aller Führungskräfte sollen neurotisch gestört sein, las ich und dachte: „Ach, deswegen!“ Es ist ja nicht nur, dass Chefs so ziemlich jeden Schritt beobachten wollen, den man tut, sondern noch viel schlimmer: Sie beobachten vor allem das, was man nicht tut. Da man aber immer viel mehr tun müsste als man wirklich tun kann, so haben Chefs dann eigentlich immer was zu beobachten und auch zu bemeckern. Dass Sie es auch fortwährend tun, obwohl sie es garnicht müssten, hängt wohl vor allem damit zusammen, dass es so viele Austauschmitarbeiter auf dem Arbeitslosenmarkt gibt. Ein jeder Arbeitslose ist schließlich passender Ersatz für den potentiell rebellischen Mitarbeiter. Mit dieser bahnbrechenden Sicherheit im Kopf schießt dann schon der ein oder andere Chef mal übers Ziel hinaus und erklärt harmlos, “.. dass man ja gerade heute besonders aufpassen müsse, da sonst...“ Und allein deswegen könne man froh sein, überhaupt noch Arbeit zu haben und sei es auch die Schäbigste. Aufpassen muss man tatsächlich, höllisch aufpassen sogar, am aufmerksamsten bei den eigenen Chefs. Da wird gedreht, gewendet, gehetzt, gemobbt, gezottelt und gefordert. „Machen sie mal schnell...“ heißt heute für mich soviel wie ‚Absolute Vorsicht, hier will dich jemand über den Tisch ziehen!’ Versprechen sind nichts mehr wert, Vereinbarungen sollten immer von jemandem geprüft werden, der wirklich Ahnung hat. Blindes Vertrauen ist fehl am Arbeitsplatz. Selbst zwischen den Kollegen herrscht Eiszeit.
Dass sich daran zukünftig nicht viel ändern wird, weiß ich. Vielleicht wird man arbeitslos, dann kommt ein neuer Chef oder jemand von der BfA. Das macht keinen Unterschied, nur im Lohn, den man von beiden widerwillig überwiesen bekommt.Vielleicht noch nicht mal da. Dabei gehört man eigentlich noch zu den Privilegierten, wenn man Arbeit hat. Man braucht keine Dummschwätzer zu dulden, die einem etwas erklären von Faulheit und mangelndem Willen, weil man ja heute arbeiten muss und das tut man ja. Arbeit ist einziger Gegenwert zum „am Leben gelassen werden“. Wer nichts hat, für das andere etwas bezahlen wollen, muss mit Schelte rechnen. Gesetzlich garantiert. Dummes Gequatsche aus der Nachbarschaft gibt´s dann gratis.
Manchmal frage ich mich, was hier so los ist und dann fange an zu diskutieren. Dann lacht sich immer mal wieder einer halbtot, wenn ich vom Recht auf Leben reden, vom Recht auf Verweigerung, vom Grundgesetz, das die Würde schützen soll und all dem Kram rede. Es sei eben so: am besten packen alle an, ganz feste. Ich weiß aber nicht, warum ich das soll, so feste zupacken. Geht da dann nichts kaputt? Ich meine, kann ja sein, das so ´ne Wirtschaft wie ´ne reife Banane ist: Einmal gepackt, gleich kriegt se Flecken. Das soll aber nicht so sein, sagt man mir. Wenn nur alle endlich und ordentlich zupacken, dann klappt das schon. Ja, das denke ich auch. So irgendwie. Nur fallen mir dann Zahlen ein: Arbeitslosenzahlen, nur die offiziellen natürlich und dazu die offenen Stellen. Das sind dann mal gerade 5 % Arbeitslose weniger, wenn alle offenen Stellen besetzt würden. Das sei ein Anfang, sagt man mir. Ah, jetzt sollen wieder alle kräftig zupacken, vielleicht auch beißen, und zwar die 5 Prozent in den Hintern, weil die Stellen ja noch offen bleiben.
Ich dachte irgendwann mal so vieles mal, auch dass Rassismus wenigstens eine Rassenlehre braucht oder irgendetwas Handfestes, Unausweichliches, eine offensichtliche Tatsache vielleicht. Ach gott, was meine Welt schön sortiert. Nun braucht es plötzlich nichts weiter, als eine bestimmte Bezugsart von Einkommen und den Willen nach wirtschaftlicher Stärke, um vermeintliche Verweierung sogar von höchsten Stellen propagiert zu bekommen. Und so viele stellen sich blind. Sie sehen nicht die gegerbte Peitsche des Herrn Köhler wie sie auf die Rücken der Arbeitslosen niedersaust. Sie müssten halt ein bisschen flexibler werden, meint er, selbst strotzend vor Energie und Tatendrang. Der hat gut reden, verdient ja auch genug. Dabei prangert er natürlich nicht nur den Osten an, wie unfreundliche Unken vermuten, sondern vielmehr Deutschland so allgemein. Die Niedersachsen sind offensichtlich schon flexibel genug, denn die erwähnte er nicht. Auch sind die Bayer wohl wahnsinnig flexibel: Kaum Arbeitslose da und wenn doch, dann sind das bestimmt Ossis auf der Flucht. Immer noch nicht flexibel genug, diese Bande. Wer arbeitslos ist, ergreife die Flucht – Go West oder auch nur nach Bayern, je nachdem. Statistiken verschönern, das ist der neue Volkssport oder auch nur Bürgerpflicht. Und dabei ist der Köhler noch harmlos, ich kenne da welche, die sind noch schlimmer drauf. Das sind alles keine Bundespräsidenten, aber sie könnten es werden. Ehrgeizige Neidhammel, die nichts unversucht lassen, sich ihr bisschen Blech schön zu reden. Sie sitzen da, mit dem was keiner haben will und auch keiner brauchen kann: einer Masse an Arbeit. Schuften sich kaputt Tag für Tag, um so gut es geht über die Runden zu kommen und denken doch glatt, das bräuchten sie nicht, wenn alle Arbeit hätten. Natürlich sind das die Wildesten im Geschrei um die Faulheit der Arbeitslosen. Kleinbürgerliche Heinis, die so damit beschäftigt sind, ihr bisschen Wohlstand gegen die Gosse zu verteidigen, dass sie ihre freiwillig Menschlichkeit dafür hergeben. Was einmal verscherbelt ist, bekommt man aber nicht billiger zurück. Das ist leider so. Da wird geurteilt und gehetzt, ohne Ahnung zu haben und ohne rechnen zu können. Sozialhilfeempfänger werden zu Großverdienern, denn die bekommen die Miete gezahlt. Dass sie aber dennoch nur so wenig zum Leben haben, dass es nicht reicht, interessiert nicht mehr. Dass Sozialhilfe und später ALGII Armut bedeutet, verstehen sie nicht, die Aufschwungsfanatiker. Manche wollen auch gar nicht mehr wissen als das bisschen, was ihnen so wichtig ist. Das „Besser sein“ muss ein so verdammt geiles Gefühl sein, dass man die ein oder andere Information lieber verschluckt, als ein Vorurteil aufzuheben.
Mich macht das alles krank. Mir wird schlecht, wenn ich daran denke, dass Sozialbenachteiligte neben ihren täglichen Existenzsorgen auch noch die Unzufriedenheit der Ausgebeuteten zu ertragen haben. Sämtliche Haare stellen sich mir auf, wenn ich daran denke, dass es nur eine Entlassung braucht, um von einem Tag zum nächsten, auch moralisch abgeurteilt zu werden. Es ist so schwer gegen ein einmal gefälltes Urteil anzugehen, wenn es rein moralischer Natur ist. Fakten haben sie nämlich alle nicht, sondern nur dumpfe Vermutungen und bittere Ahnungen, dass irgendetwas an dem, was „die da oben“ so reden, wahr sein muss. Wir wurden wenigstens aufgeklärt, über den medialen Beschiss am Bürger. Gauckbehörden und Bild-Zeitung wurden nicht müde, uns Ossis klar zu machen, was wir doch für „arme Schweine“ waren, bei Stasiüberwachung und Medienschaltung. Herr Köhler gibt uns nun den Rest und weiß eine bürgerliche Mehrheit hinter sich, die sich gegenseitig Recht gibt, so als würden dadurch Vermutungen wahrer. Man kann noch so viele Zahlen nennen, jede falsche Aussage auf den Prüfstein stellen, alles auseinandernehmen und neu zusammensetzen und alles fällt zusammen wie ein Kartenhaus bei Durchzug, wenn der Bundespräsident einen dummen Versprecher loslässt: Er meinte nämlich gar nicht die Ostdeutschen, als er zur Flexibilität am Arbeitsmarkt aufrief, sondern sich. Morgen wird er kündigen und sich als Autor für den Sörenfried bewerben. Mal gucken, ob wir Platz haben, für Freudsche Verbrecher...äh...Versprecher.