Obwohl ich fern ab jeder medialen Überfälle lebe: Wir haben keinen Fernseher, hören Radio nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt und erhalten Tageszeitungen, wenn es sie umsonst gibt. Es ist also für jede Art der Information ziemlich schwierig, an mich heranzukommen. Britneys Ehe hat es geschafft und ich war sauer: Britneys Hochzeit meißelte mir ein Autoradiomann ins Gehirn, der es noch nicht mal unterlassen konnte, zu erwähnen, sie hätte Jeans und T-Shirt an. Ja, klar, das ist wichtig, das sehe ich ein: wäre Presse dabei, dann wäre sie sicher nackt gewesen. Gut, Britney heiratet ihre Jugendliebe. Sie ist 22, die Jugendliebe auch – und sie lieben sich immer noch. Ich lache und es wird noch besser: Britney hätte unter Ausschluss der Öffentlichkeit geheiratet: Oh ja, das wäre schön und ich hätte es nie erfahren. Der doofe Autoradiomann übrigens auch nicht, aber das hört er nicht. Ich mag es, wenn die Musik so langsam ausklingt, wenn ich die Off-Taste drücke: Good bye, okidoki, Stau-auf-derA2-Tschüssikowski-Tschöööööö-Radio Saublöder Albernen Weichnieten. Zu Hause gehe ich an meinen Briefkasten, derzeit säuselt uns die Volksstumme ins Haus. Die krieg ich gerade, eine Rechnung nicht. Dafür ruft mich regelmäßig eine Tante an, die feststellt, dass ich schon mehr als 2mal (wenn die wüsste: ich hab auch die ganzen Werbegeschenke behalten.) dieses Probeabo hatte und nun könne sie mir ein „sehr schönes Angebot“ machen (Sie putzen bei mir?): 4 Wochen lesen für 10 €. Na klar, so machen wir es.
Ich lese: „Neue CD-ROM – Sachsen-Anhalt wie aus dem Flugzeug erleben“ Welch schöne Idee, für all die Daheimgebliebenen Arbeitslosen und Armen – so ganz ohne Flugangst, Magensurren und Absturzgefahr: Sachsen-Anhalt von oben, nicht nur weil es letzter in irgendeiner Statistik ist, nein so richtig: von OBEN! Im Draufblick quasi: Klasse.
Bin ich echt auf der Titelseite? Hm.
Weiter geht’s:
„Ab Sommer 1500 Euro Strafe für Schwarzarbeit im Haushalt?“ – Ein Meilenstein in der Geschichte der Emanzipation: Endlich denkt man über Hausfrauenlohn nach. Das muss ich lesen. Da steht es schwarz auf weiß: Wer künftig Handwerker oder die Putzfrau im eigenen Heim ohne Rechnung arbeiten lässt, muss mit Strafverfolgung rechnen. Klasse Idee. 1500 Euro werden dann fällig. So lässt sich’s leben. Der mürrische Alte kriegt eine Anzeige oder er blecht: Socken waschen? Das macht ´nen Euro pro Paar. – Hemden bügeln? Schaaahaatz lässt das dein Budget zu? Die Nummer vom Bundesfinanzministerium direkt neben das Telefon gepinnt, das „Gesetz zur Intensivierung der Bekämpfung der Schwarzarbeit und damit verbundenen Steuerhinterziehung“ daneben und schon ist der Familienfrieden wieder hergestellt – oder auch nicht. Gewinnbringend ist es alle mal, man denke an die Einnahmen für Vater Staat oder Mutters Kittel.
Wenn ich ehrlich bin, beschleicht mich das Gefühl, ich hätte da irgendetwas missverstanden: Das passiert mir öfter, wenn ich die Volksdumme lese. An mir liegt das definitiv nicht. Bei anderer Lektüre klappt es ja, mit dem Verständnis. Problematisch ist, dass eben genau jene Volkswumme aber die auflagenstärkste Zeitung in MD ist – auch oft gelesen. Willst du etwas in Magdeburg veröffentlichen, muss es in der Trümperstimme stehen, sonst sieht man alt aus: Dafür muss man den spießigen Zweireiher erstmal von der Lokalseite drängen und das ist nicht einfach. Sich in einem Pulunder mit Knöpfen auf einem Sofa lümmelnd, wird der Lutz interviewt. Eine Fotoserie begleitet seinen kostengünstigen Wunsch, mit Geld – das er freilich im Moment nicht hat - die Kindertagesstätten zu sanieren. (Ja, sind denn da noch Kinder drin?) Sanieren, Bauen, Investieren ist wohl sein Hobby. Kein Wunder, das hat er gelernt, vom Dezernentensessel aus, im Uniklinikum. Verbindungen hat er allemal, Aufträge auch parat. Wird es brenzlig, so sind es Stadtratsentscheidungen, geht es um Honig, war es sein Verlangen, so erklärt uns das der Lutz.
Es sei jetzt ganz wichtig, dass Magdeburg nicht den Anschluss verliere. (O-Ton vom Doktor Lutz auf einem Bürgerforum) Das meint der Armutsbericht für Sachsen-Anhalt auch, will aber deswegen nicht bauen, sondern den Humankapitalbestand schützen. Das will der Lutz nicht. Die Volksstimme will nur das, was Lutz will, zeigt ein Bild mit Spaten und CD-ROM (Sachsen-Anhalt von unten?) Ich suche nach blumenbestückten Kindern am Bildrand, die müssen ihm doch jetzt irgend was übergeben und er nimmt sie hoch, streichelt ihnen übers Haar und lächelt salbungsvoll: „Ja, wenn ich Geld hätte, täte ich deinen Kindergarten sanieren.“ Das Kind antwortet: „Lieber Onkel, ich bin Halbstagskind, meine Mutter allein erziehende Langzeitarbeitslose, wir leben von Stütze und du kannst mir mal an die Pupe schmatzen.“
Ich träume, sorry.
Zurück zur Er-folgsstimme. Ich wollte eine Anzeige aufgeben: „Zeugen gesucht! Wer fühlt sich vom Arbeits- oder Sozialamt ungerecht behandelt? Bitte melden unter http://www.trans-parent.net.“
Wie ich das immer mache: ab ins Netz. Volksstimme online, Formular mit Bankeinzug. Anzeige eingetippt, abgeschickt und mich gefreut. Zu früh, wie so oft. Eine Dame rief mich an: „Ihre Anzeige können wir so nicht veröffentlichen. Sie müssen Vorkasse leisten“, sagt sie. Ich frage: “Warum?“ Ich könne auch auf die Anzeige verzichten, meint sie. Das möchte ich nicht. Nach einigem Hickhack, hab ich dann ordentlich im Service-Center meine Anzeige aufgegeben, bezahlt und mich gefreut. Schon wieder zu früh. Es rief mich wieder jemand an: „Das Geld läge zur Abholung bereit. Man könne die Anzeige nicht veröffentlichen.“ Ich frage: „Warum?“ Die Bearbeiterin beruft sich auf ihre Chefs (warum rufen mich eigentlich immer Leute an, die auf ein Warum? keine richtige Antwort haben?) und meint noch: das wäre ‚so was Politisches’. Genau so wollte ich das auch verstanden wissen und genau deswegen wollte ich es auch veröffentlichen –und genau darum wird es nicht gedruckt. Ich merke mir: Volksgestammel ist für ‚so was Politisches’ nicht zuständig. KEIN ABO!
Schnellen Schrittes habe ich beim Amtsgericht Magdeburg über die Anordnung einer einstweiligen Verfügung (Kosten des Verfahrens 22,50 € bei einem Streitwert von 300,00 €) erreichen wollen, was mir bisher versagt blieb: eine Veröffentlichung meiner Anzeige. Die einstweilige Anordnung war jedoch für die Katz, denn einstweilig anzuordnen, was ich kurzfristig wollte, hätte bedeutet, meine Forderung in der Hauptsache komplett zu erfüllen. Für so etwas ist eine einstweilige Anordnung nicht da: Das hatte ich zuvor nicht bedacht. Trotzdem rief mich kurz darauf wieder eine Mitarbeiterin des Service-Center an und teilte mir mit, dass „das Haupthaus entschieden hat, meine Anzeige zu drucken:“ Ich freue mich einfach nur noch über diesen Sinneswandel und warte den nächsten Samstag ab.
Meine Anzeige bin ich dann auch noch wo anders losgeworden, im „Magdeburger Sonntag“, ohne Spektakel und in Großbuchstaben. Da konnte ich mich dann wieder freuen.
Nicht ganz so unwichtig wie Britneys Scheidungsankündigung, doch weniger populär und noch weniger populistisch ausschlachtbar, nimmt sich der Umstand aus, dass Andreas D. erneut hungert, mittlerweile seit dem 19.01.2004. Eine kurze Unterbrechung samt Ortswechsel lässt uns Zeit gewinnen, schiebt seinen Tod hinaus. Er wiegt jetzt 51 Kilo, kann nicht mehr klar denken und es geht ihm dreckig. Er hat Magenschmerzen und Durchfall. Das mit dem Durchfall hört auf, meint er zynisch. Ich zucke zusammen und bin froh über jeden Tag, an dem ich noch ein wenig über ihn erfahre, mit und über ihn reden kann: Für mich ist er ein Held. Ein Mahatma zum Anfassen, eine große Seele. Für ihn sei ein Hungerstreik vor allem eine Umkehrung der Machtverhältnisse, sagt er. Kontrolle über seinen Zustand zu haben, der ihm durch Leistungsverweigerung kaputt gemacht werden soll, sich passiv zu wehren, in dem er selbst bestimmt handelt: Aus Hungerfolter macht er einen Hungerstreik; aus Arbeitslosigkeit einen Streik eines Arbeitslosen. Mir fällt ein, was Ulrike Meinhoff mal geschrieben hat: „Es gibt viele Arten, einen Menschen umzubringen. Nur wenige stehen unter Strafe.“ Armut und Hunger sind Formen, die es zugleich fast unmöglich erscheinen lassen, auf die eigene Position aufmerksam zu machen. Neoliberale Ideologie, Sozialdarwinismus und Ich-wahn stellen sicher, dass im lohnzentrierten Sozialleistungssystem all jene moralisch enthauptet werden, die aus irgendwelchen Gründen nicht dazu gehören. Soziale Isolation, durch Armut in einem reichen Land begründet, bedeutet vor allem, dass sich selten Mitstreiter finden, deren eigene Situation es Ihnen erlaubt, solidarisch zu sein. Solidarität muss man sich auch leisten können.
Für den Monat Februar wurden Andreas 70,00 € zum Leben überwiesen. Er macht einfach weiter, sagt er. Ruhig und gelassen, wie immer: Überlebenswillen, der ihn das Leben kosten kann.