Moderne Märchen
Wenn der Kanzler auf einem französischen Friedhof dem D-Day gedenkt und offenen Herzens verkündet, man wolle die Träume der Väter und Großväter verwirklichen, dann ist irgendetwas nicht mehr in Ordnung. Mit der Sprache, mit dem Feingefühl, mit allem und vor allem mit dem Kanzler. Wenn Joschka Fischer, als des Kanzlers Außenminister verlauten lässt, kein Mensch dürfe gefoltert werden – auch nicht Terroristen, dann weiß ich, was nicht mehr in Ordnung ist: Es ist die Differenz zwischen meinem Verständnis der Welt und die deutsche Anwort darauf.
Spätestens seit PISA dürfte bekannt sein, dass es den Deutschen an Textverständnis mangelt, aber muss man deswegen so offensichtliche Manipulationsversuche der gesamten Bevölkerung starten? Ist das schon Teil der psychologischen Kriegsführung einer „Friedensmacht“? Was ist denn mit denen, die verstanden haben, dass des Kanzlers „SS-Barbaren“, genau jene Väter und Großväter waren, deren Träume nun noch verwirklicht werden sollen? Rhetorisches Outsourcing gewisser Bevölkerungsbestandteile nützt nichts, wenn es sich um simple Rechenerei handelt, um herauszubekommen, wer die Angeklagten sind: UNSERE Väter und Großväter.
Ich erwarte, dass man etwas subtiler versucht, mich hinters Licht zu führen. Das erwarte ich auch von Joschka Fischer. Er sollte das können, nahm ich an. Und ich wurde enttäuscht. Joschkas Schachzug, den Afghanistaneinsatz der Bundeswehr als „politischen Pazifismus“ zu verhökern, habe ich bewundernd. Wer versteht es schon, einen inhaltsschweren Begriff mit einem einzigen Adjektiv völlig zu entstellen – sinnleer zu machen - und trotzdem abgedruckt zu werden? Jetzt allerdings, da bedeutungsvoll festgestellt wird, keinen Menschen zu foltern, auch Terroristen nicht, ist es dann schon sehr offenkundig, welches Ziel mit dieser Aussage verfolgt wird: Terroristen sind keine Menschen. Auch ihr begriffliches Outsourcing, als besonders erwähnenswerter Teil einer unüberschaubaren Gruppe, ist nutzlos und sinnlos. Trotzdem wird es praktiziert und akzeptiert und es wird gedruckt. Rhetorische Raffinessen solcher Art bedeuten vor allem, dass dem Zuhörer unbewusst eine gedankliche Trennung zwischen dem Massiv und dem ausgesonderten Teil angeboten wird. Nimmt er diese Differenzierung an, ist der erste Schritt zur Ausnahme von der Regel getan. Die Akzeptanz zur Sonderbehandlung einer bestimmten Katgorie wächst, je manifester die begriffliche Ausgiederung von statten geht: Der Holocaust wäre unmöglich gewesen, hätte man Menschen statt Juden vernichten wollen. Terroristen scheinen auch schon ein ganz eigener Menschenschlag geworden zu sein: Sie haben mit uns, den Nicht-terroristen, nichts mehr zu tun. Dabei ist „Terrorist“ für den Alltagssprachgebrauch ein derart überlüssiger Begriff, dass seine Benutzung außerhalb wissenschaftlicher Arbeit verboten werden sollten. Bestimmte Bezeichnungen haben rein wissenschaftlichen Charakter, deren Bedeutung durch inflationären Gebrauch verloren geht, neu belegt wird und vor allem: deren verkürzter subjektiver Inhalt als Metapher im Alltagsleben eines jeden Einzug halten will. Die bewußte Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Hintergründen findet nur ausnahmsweise statt. Aus elitärem Fachwissen und unumgänglicher wissenschaftlicher Kategorie wird ein allgemeines Vorurteil, inszeniert mit politischer Bindung. Durch die Bebilderung bestimmter Begriffe wird es auch dem flüchtigen Leser einfach gemacht, ein Schlagwort mit einem Gesicht, einer Person oder einer Geste gleichzusetzen und bestimmte Erwartungen an das Auftauchen zu knüpfen.
Paradebeispiele für diese These sind Begriffe wie „Rasse“, „Semit“, „Dschihadd“ oder „Terrorist“. Viele kennen sie, benutzen sie und wissen wenig bis nichts um deren tatsächliche Bedeutung. Es sind verkürzte Sinnbilder geworden, die vor allem durch inflationären Gebrauch, Einzug in unseren Sprachschatz finden und dort mit allerlei unklaren Hintergründen versetzt werden. Dabei werden zumindest in anspruchsvollen Texten noch sinnbringende Definitionen mitgeliefert – Aber spätestens nach dem Erscheinen in der Tagespresse ist es vorbei, mit Sinn und Wert eines Wortes. Hemmungen vor „großen“ Begriffen scheint es keine zu geben. Dem Anspruch auf Allgemeinverständlichkeit wird genüge getan, in dem ein „Terrorist zu einem bösen Menschen“ wird und wahrscheinlich Rotkäppchen froh sein muss, ihr nicht über den Weg zu laufen.
Moderne Märchen.