„Wir tragen Uniform und tun unsere Pflicht.“
Eine Bekannte erklärte mir kurz und knapp, dass sie verstehen könne, wenn ihre Freundinnen sich reiche Männer suchen: „Sie wollen es mal besser haben“. Ich wollte wissen, warum die Damen dann nicht selber reich würden, dann könnten sie sich die Suche sparen. So einfach ginge das nicht, meinte sie dann: „Ist eben heute nicht mehr so einfach, selbst reich zu werden.“- „Tja, und wie sollen es dann die Männer schaffen?“, wollte ich wissen. Sie grübelte und wendete ab: „Außerdem möchte sie gern ein Häuschen haben.“ – „Aha. Du möchtest also einen Haus-Mann?“, grinste ich.
Ich halte Häuser nicht für falsch. Ich halte es nur für falsch, dass sie einem gehören sollen, um angenehm darin wohnen zu können. Es erscheint mir komplett daneben, sich auf die Rechnung eines geschniegelten Maklers einzulassen, der mantramäßig betont, wie günstig das alles sei. Auch die Vorteile einer jahrelangen Finanzierung, in welcher mit Sicherheit mehr bezahlt wird, als das Haus eigentlich wert ist, erschlossen sich mir bisher nicht. Ich scheine da wohl eher pragmatisch veranlagt und wünsche mir einfach was Nettes zum Wohnen, nicht zum Kredit aufnehmen. Auch meine ich, dass es der Wohnqualität in keinster Weise schadet, die Reparaturen am Gebäude nicht aus eigener Tasche finanzieren zu müssen. Es ist für mich direkt entspannend, die Kündigungsfristen meines Mietvertrages als einzige Hemmnisse zum Ortswechsel hinzunehmen, statt mir einzureden, das teuer finanzierte Anwesen könne gewinnbringend und kurzfristig verkauft werden, wenn es nötig ist. Balkon an Balkon hängen die Klitschen zusammen und man schließt die bankfinanzierten Fenster, um sich sein bankfinanziertes Eigenheim-Lächeln aufzusetzen. (Hier gewinnt der Begriff Fenster-Bank eine komplett neue Bedeutung) Die Banker grinsen übrigens häufiger, mit Sicherheit. Sie grinsen bestenfalls gleich andauernd: einmal beim Abschluss des Kredites, bei der Zinsberechnung zur Finanzierung und am breitesten bei der Zwangsversteigerung des „Eigen“-Heims.
Manche meinen, ich würde anders reden, wenn ich erstmal ein Häuschen hätte. Mit passendem Gärtchen und Car-Portchen, versteht sich. Das mag sein. Aber nur um der Erkenntnis willen möchte ich es nicht ausprobieren. Schließlich muss ich auch nicht erhängt werden, um gegen die Todesstrafe zu sein. Ich denke, Besitz lähmt. Er lähmt die Widerspruchsneigung und er lähmt die Widerstandsbereitschaft. Mit einem Kredit im Hinterkopf, ist bereits ein Teil des Gehirns derart ausgelastet, dass einfach nicht genug überbleibt, um selbstbestimmt handeln zu können. Schon der dringende Wunsch nach Eigentum stellt die Weichen fürs Leben: Die jungen Damen möchten reiche Männer. Die reichen Männer möchten junge Damen. Alle zusammen möchten sie Häuser. So findet zusammen, was zusammen gehört.
Ich habe auch nichts gegen Reichtum. Lediglich befürchte ich, dass ich damit nicht umgehen kann. Vielleicht bin ich deshalb bisher zu keinem gekommen und das ist für die Menschheit und mich ein großes Glück. Meine Ziele sind eben ganz andere: Ich will nur leben. Einen Zusammenhang zwischen der Anhäufung von materiellen Werten und einem Gewinn an Lebensqualität konnte ich bisher nirgendwo entdecken. Im Gegenteil. Mag sein, dass sich auch diese Einstellung ändert, sofern sich die Voraussetzungen ändern, aber dazu wird es mutmaßlich nicht kommen. Bisher konnte ich mir nicht erfolgreich genug einreden, gern zu arbeiten, so dass sich mein Engagement im lohnzentrierten System auf den hinteren Wertungsplätzen bewegt. Das heißt: ich bin stinkendfaul. So faul, dass ich vorher überlege, wie ich eine Arbeit einfacher gestalten kann, um mir soviel wie möglich davon zu ersparen. In der Neuerbewegung wäre ich der aufgehende Stern am Innovationshorizont. Aber ich befürchte auch, dass es bei Innovationen in der heutigen Zeit nicht mehr um Arbeitseinsparung geht, sondern schlicht um Profit. Außerdem nehme ich an, dass immer mehr Innovationen letztendlich dazu führen, dass immer weniger Menschen immer mehr erarbeiten können. Da aber keine neuen Arbeitsmöglichkeiten geschaffen werden, bedeutet Innovation, im Sinne einer höheren Produktivität, einfach nur Arbeitsplatzmangel. Wenn die Wirtschaft nach mehr „Innovation“ ruft, sollte ein menschenwürdiger Staatsapparat hellhörig werden und umgehend andere Beschäftigungsmöglichkeiten schaffen. Genau das wird in D unterlassen und es werden Menschen aus der Verantwortung der Arbeitgeber ins Nichts entlassen. Unter gewissen ideologischen Gesichtspunkten ist es also demnach schlicht kontraproduktiv, weil zu produktiv, sich mehr als nötig in den Arbeitsanzug zu legen.
Britische Propaganda zum Ende des Zweiten Weltkrieges rief ausdrücklich zur Sabotage und Arbeitsverweigerung auf. Auf die Frage hin, warum nicht wenigstens langsamer gearbeitet werde, antwortete ein Stellwerksarbeiter schlicht: „Wir tragen Uniform und tun unsere Pflicht.“ (aus „Lügendetektor“ von Saul K. Padover).
Der Mythos „Arbeit“ muss von Grund auf in Frage gestellt werden:
Ich kenne jemanden, der arbeitet täglich bis zu 14 Stunden, auch an Wochenenden und Feiertagen. Nebenbei versucht er die Welt zu retten. Dafür bleibt freilich nicht viel Zeit. Eine Weltanschauung ist aber nunmal kein Freizeitvergnügen. Man kann nicht so tun, als sei man nach Dienstschluss mit Leib und Seele dabei gegen ein kapitalistisches System zu wettern, während man Stunden zuvor, diesem System fleißig in die Hände arbeitete. Die Pflicht zum Widerstand erstreckt sich auf den gesamten Menschen, auch auf seine Arbeitskraft. Die Arbeitskraft – sofern sie noch gebraucht wird - ist letztendlich das einzige Faustpfand, das derzeit in die Wagschale des Klassenkampfes geworfen werden kann. Ein jeder muss sich von der Vorstellung lösen, es doch noch zu „Etwas“ bringen zu können. Man muss auf dieses „Etwas“ verzichten können, um überhaupt erfolgreich Widerstand zu leisten. Dafür muss man aber auch die Härten, d.h. den Ausschluss riskieren wollen.Es gilt zu akzeptieren, dass kein Arbeitnehmer wirklich Einfluss auf betriebliche oder allgemeine martkwirtschaftliche Konstellationen hat, die letztenedlich dazu führen werden, dass sein Arbeitsplatz abgebaut wird.
Die Illusion, durch besonderen Arbeitseinsatz, seine Position auf dem Abstiegskarussell in irgendeiner Form verbessern zu können, ist genau jene, die uns so „handzahm“ macht. Das ist Ballast und kein Glück.
Das soll nicht heißen, dass man arbeitslos oder Sozialhilfeempfänger werden muss, um sich in diese Situation hineindenken zu können. Es soll bedeuten, dass man die Kluft zwischen den Arbeitenden und Arbeitslosen nicht durch den unermüdlichen Einsatz seiner eigenen Arbeitskraft noch größer werden lässt. Es bedarf keiner besonderen Rechtfertigung, um benutzt zu werden. Der einzige Unterschied zwischen einem Erwerbslosen und einem Noch-Arbeitnehmer ist jener, dass irgendein Arbeitgeber noch eine Möglichkeit sieht, das Arbeitnehmer-Fell gewinnbringend zu Markte zu tragen. Mit Lust oder Unlust, Können oder Wollen hat das alles nichts mehr zu tun.
Fest steht, die Arbeitslosen können im Moment nicht viel bewegen: sie sind arm, ausgeschlossen und tonlos. Die jenigen, die noch arbeiten, sind dienstbeflissen und ordentlich: sie tragen Uniform und tun ihre „Pflicht“. Widerstand findet nach Feierabend statt. Die Bereitschaft, sich nach Feierabend politisch zu engagieren, macht den unermüdlichen Einsatz im Dienst leider nicht wett. (Auf keinen Fall möchte ich das politische Engagement eines Feierabend-Revoluzzers schmälern: Nur sollte klar gestellt werden, dass „Arbeit“ keine bessere Entschuldigung für die Zeit der politischen Untätigkeit ist als beispielsweise Bowling, Handarbeit oder Unkraut jäten.)
Es gilt zu verstehen, dass der Ausschluss aus dem System jeden und jederzeit treffen kann. Besonderes Engagement schützt leider nicht vor den Konsequenzen eines kapitalistischen Systems. Denn solange das „Recht auf Arbeit“ nicht im Grundgesetz verankert ist, gibt es auch kein „Recht auf Faulheit“ und einem jeden kann sie vorgeworfen werden, ob sie nun gewollt oder durch das System selbst entsprechend in Szene gesetzt wird.
Dieses „Recht auf Faulheit“ gilt es zu erstreiten, um gegen die „Pflicht zur Arbeit“ argumentieren zu können.