Wahlkampf mit Köpfen und Wörtern
Wie eine Bauchbinde zwicken unsere zukünftigen Kommunalpolitiker Magdeburgs Straßenpfeiler. Die Lächler der SPD sind hübsch, selbst die Frauen. Die Gelb-Blauen sind resolut, selbst unsere Börde-Hillary, Frau Paquet. Und die Schwarzen sind tatkräftig und alt, lächeln aber trotzdem. Ganz Magdeburg ist zugehängt wie zum Kindertag mit Luftballons.
Belächelt wird man, vor allem unser Wortschatz. Begriffe tauchen auf, von denen ich nicht wusste, dass sie jemand ernsthaft benutzen könnte: Zukunftsgerecht, Friedensmacht, Tatkraft,
Alles Begriffe voller Zuversicht und Bekenntnisdrang – aber ohne Inhalt. Kurz, knapp, einprägsam und blödsinnig. Der Zukunft gerecht? Was soll das sein? Wir blicken gerecht nach vorn: Gerächt nach hinten?
Friedensmacht? Macht denn Frieden mächtig? Wie viel hat der Frieden an Macht gewonnen, seit wir uns gegen „Die Achse des Bösen“ schützen sollen?
Tatkraft? Zu welcher Tat wird kraftvoll zugepackt? Was gilt es zu erreichen und warum? Waren wir nicht in der Tat schon mal kräftig? Müssen wir das wieder werden? Wo fängt das an und wo hört es auf?
Fragen über Fragen und über allem hängt ein Lächeln. Die Frau Dr. der FDP möchte mit Groupies ins Rathaus stürmen und die PDS tönt dazu: „Es reicht“ und sagt nicht mal was. „Wir sparen nicht an der Sicherheit. “ steht an der Brücke in der Hallischen Straße und Uli Steins Pinguin trägt ein Schild auf dem steht: „Ich bin dagegen!“
Es ist alles lustig, irgendwie.
Wilde SPD-ler schaukeln ihr Kind, „Mit Schwung in die Zukunft“ und ich denke: Halbtagskind? Herr Fölsch trägt sein Söhnchen spazieren und ich denke: Armer Bengel – so klein und schon CDU? Frau Paquet sieht mich an und ich denke: Ich war auch mal auf ´nem Nana Mouskouri-Konzert.
In lauen Stunden male ich mir meine eigenen Plakate. Man sieht einen nackten Hintern und in großen Buchstaben: „Es riecht!“ oder einen Penner am Pfeiler:„So arm und noch hier?“
Alternativ natürlich: „Schlagfertig!“, „Sandmännchen!“, „Wasserwerfer!“, „Schaumschläger!“oder mein persönlicher Favorit: „Honigmond!“. Politische Aussagen mache ich keine, aber das machen die anderen ja auch nicht. Ich würde meine Plakate ganz oben an die Masten hängen und eine Leiter daneben. In halber Höhe werde ich winzige Klebchen an die Sprossen pinnen: „Stürzen sie hier ab, hilft ihnen kein Arsch.“
Aber nun isser vorbei, der Wahlkampf und fast finde ich es ein wenig schade. Nie zuvor sprachen mich so viele Leute an und wollten mir erzählen, was ihnen auf dem Herzen liegt:
„Darf ich Ihnen einen Prospekt der CDU mitgeben?“ – „Nö! – ich schikaniere selbst!“ und weiter durchs Getümmel der Stimmenjäger: „Ich bin bei den Grünen. Darf ich...“ – „Nö, ich möchte wo anders hin!“ –„Wohin denn?“ – „Nach Hause!“. „Ich bin von der SPD. Darf ich...?“- Nö, sie dürfen nicht mehr. Nicht mit mir.“
Zukünftig wird es wohl nur noch die Volksstimme sein, die mir eine Zeitung schenken will und mich nett dafür anspricht. Die Antwort bleibt die gleiche – nur seltener eben: „Nö!“
Aber der nächste Wahlkampf kommt bestimmt...